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Ethik
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Die Ethik ist jener Teilbereich der Philosophie, der sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung menschlichen Handelns befasst. Ihr Gegenstand ist damit die Moral insbesondere hinsichtlich ihrer BegrĂŒndbarkeit und Reflexion. Cicero ĂŒbersetzte als erster ēthikᾕ tĂ©chnē (die ethische Kunst) in den seinerzeit neuen Begriff philosophia moralis (Philosophie der Sitten).cite-ref-1[1] In seiner Tradition wird die Ethik auch heute noch als Moralphilosophie bezeichnet.cite-ref-2[2]

Die Ethik und ihre benachbarten Disziplinen (z. B. Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie) werden auch als „praktische Philosophie“ zusammengefasst, da sie sich mit dem menschlichen Handeln befasst. Im Gegensatz dazu steht die „theoretische Philosophie“, zu der als klassische Disziplinen die Logik, die Erkenntnistheorie und die Metaphysik gezĂ€hlt werden.

Ihr entsprechen in der Religionswissenschaft die religionsgeschichtliche Erforschung der Sittlichkeit (Moral) sowie vor allem die kath. Moraltheologie und die ev. theologische Ethik,cite-ref-3[3] die wiederum Teilgebiete der christlichen systematischen Theologie sind.

Contents

‱ Ursprung
‱ Abgrenzung
‱ Metaethik
‱ Das Gute
‱ Werte
‱ Tugend
‱ Sollen
‱ Beispiel
‱ Siehe auch
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Wortherkunft

Das deutsche Wort Ethik stammt von griechisch ጠΞÎčÎșÎź (ጐπÎčÏƒÏ„ÎźÎŒÎ·) ēthikᾗ (epistᾗmē) „das sittliche (VerstĂ€ndnis)“, von áŒŠÎžÎżÏ‚ ē̂thos „Charakter, Sinnesart“ (dagegen áŒ”ÎžÎżÏ‚ Ă©thos: Gewohnheit, Sitte, Brauch).cite-ref-4[4]

Ursprung

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Hauptartikel

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Geschichte der Ethik

Bereits die Sophisten (im 5. bis 4. Jahrhundert v. Chr.) vertraten die Auffassung, es sei fĂŒr ein Vernunftwesen wie den Menschen unangemessen, wenn dessen Handeln ausschließlich von Konventionen und Traditionen geleitet wird. Im Zuge der sokratischen Wende rĂŒckte Sokrates (5. Jahrhundert v. Chr.) die Ethik ins Zentrum des philosophischen Denkens. Ethik als Bezeichnung fĂŒr eine philosophische Disziplin geht auf Aristoteles (4. Jahrhundert v. Chr.) zurĂŒck, der damit die wissenschaftliche BeschĂ€ftigung mit Gewohnheiten, Sitten und GebrĂ€uchen (ethos) meinte. Er war der Überzeugung, menschliche Praxis sei grundsĂ€tzlich einer vernĂŒnftigen und theoretisch fundierten Reflexion zugĂ€nglich. Ethik war somit fĂŒr Aristoteles eine philosophische Disziplin, die den gesamten Bereich menschlichen Handelns zum Gegenstand hat und diesen Gegenstand mit philosophischen Mitteln einer normativen Beurteilung unterzieht und zur praktischen Umsetzung der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse anleitet.

Ziele und Fragestellungen

Die (allgemeine) Ethik wird heute als die philosophische Disziplin verstanden, die Kriterien fĂŒr gutes und schlechtes Handeln und fĂŒr die Bewertung seiner Motive und Folgen aufstellt. Sie ist von ihrer Zielsetzung her eine praktische Wissenschaft. Es geht ihr nicht um ein Wissen um seiner selbst willen (theoria), sondern um eine verantwortbare Praxis. Sie soll dem Menschen Hilfen fĂŒr seine sittlichen Entscheidungen liefern. Dabei kann die Ethik allerdings nur allgemeine Prinzipien und Normen guten Handelns oder ethischen Urteilens ĂŒberhaupt oder Wertvorzugsurteile fĂŒr bestimmte Typen von Problemsituationen begrĂŒnden. Die situationsspezifische Anwendung dieser Prinzipien auf neue Situationen und Lebenslagen ist nicht durch sie leistbar, sondern Aufgabe der praktischen Urteilskraft und des geschulten Gewissens.

Die drei Fragen nach

‱ dem „höchsten Gut“,
‱ dem richtigen Handeln in bestimmten Situationen und
‱ der Freiheit des Willens

stehen im Zentrum.

Als philosophische Disziplin bearbeitet die Ethik moralische Fragen auf der Grundlage lebensweltlicher Einstellungen, WertĂŒberzeugungen und rationaler Argumente. Auch in den jĂŒdischen, christlichen und islamischen Theologien werden ethische Fragen behandelt. In der Theologischen Ethik werden unterschiedliche Voraussetzungen und Vorgehensweisen zugrunde gelegt: WĂ€hrend sogenannte Glaubensethiken religiöse Überzeugungen, einschließlich offenbarungstheologisch vermittelter Traditionen, als Argumentationsgrundlage voraussetzen, werden v. a. seit den 1970er Jahren auch AnsĂ€tze vertreten, wonach die BegrĂŒndung ethischer Normen nur voraussetzt, was unabhĂ€ngig von spezifischen religiösen oder weltanschaulichen Verortungen rational einsichtig zu machen ist. Beispiele dafĂŒr sind die VorschlĂ€ge sogenannter „Autonomer Moral“ von Alfons Auer oder Franz Böckle.

Abgrenzung

Rechtswissenschaft

Auch die Rechtswissenschaft fragt danach, wie gehandelt werden soll. Im Unterschied zur Ethik (welche seit Christian Thomasius und Kant von der Rechtslehre unterschieden wirdcite-ref-5[5]) bezieht sie sich jedoch im Allgemeinen auf eine bestimmte, faktisch geltende Rechtsordnung (positives Recht), deren Normen sie auslegt und anwendet. Wo die Rechtswissenschaft als Rechtsphilosophie, Rechtspolitik oder Gesetzgebungslehre auch die BegrĂŒndung von Rechtsnormen behandelt, nĂ€hert sie sich der Ethik an. Auch das Vernunftrecht zeigt Parallelen zur Ethik.

Empirie

Mit gesellschaftlichen Normen des Handelns befassen sich auch empirische Wissenschaften wie Soziologie, Ethnologie und Psychologie. Im Unterschied zur normativen Ethik im philosophischen Sinne geht es dort jedoch um die Beschreibung und ErklĂ€rung faktisch bestehender ethischer Überzeugungen, Einstellungen und Sanktionsmuster und nicht um deren Rechtfertigung oder Kritik. Beziehungen bestehen also zur deskriptiven Ethik.

Theorie der rationalen Entscheidung

Auch die Theorie der rationalen Entscheidung beantwortet die Frage: Wie soll ich handeln? Jedoch unterscheidet sie sich von ethischen Fragestellungen dadurch, dass Theorien rationalen Handelns nicht in jedem Falle auch Theorien des moralisch Guten sind. Von ethischen Theorien mit einem allgemeinverbindlichen Anspruch unterscheiden sich Theorien rationaler Entscheidung dadurch, dass nur die Ziele und Interessen eines bestimmten Individuums oder eines kollektiven Subjekts (z. B. eines wirtschaftlichen Unternehmens oder eines Staates) berĂŒcksichtigt werden.

Disziplinen

| Disziplin | Gegenstandsbereich | Methode |
|---|---|---|
| Metaethik | Sprache und Logik moralischer Diskurse, Methoden moralischer Argumentationen, Leistungskraft ethischer Theorien | analytisch |
| Normative Ethik | Prinzipien und Kriterien der Moral, Maßstab moralisch richtigen Handelns, Prinzipien eines fĂŒr alle guten Lebens | abstrakt wertend |
| Angewandte Ethik | gĂŒltige Normen, Werte, Handlungsempfehlungen des jeweiligen Bereichs | konkret wertend |
| Deskriptive Ethik | tatsÀchlich befolgte HandlungsprÀferenzen, empirisch vorfindliche Normen- und Wertesysteme | beschreibend |

Metaethik

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Hauptartikel

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Metaethik

Metaethik stellt die Grundlage der anderen Disziplinen dar und beschĂ€ftigt sich mit ihren allgemeingĂŒltigen Kriterien und Methoden. Sie analysiert die allgemeinen logischen, semantischen und pragmatischen Strukturen moralischen und ethischen Sprechens und sich v. a. mit der Bedeutung ethischer und verwandter Begriffe, der Verwendung ethischer Begriffe in moralischen SĂ€tzen und der Frage nach der BegrĂŒndbarkeit von Werturteilen beschĂ€ftigt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird sie als eigenstĂ€ndige Disziplin betrachtet.

Normative Ethik

Normative Ethik erarbeitet und untersucht allgemeingĂŒltige Normen und Werte sowie deren BegrĂŒndung. Sie ist der Kern der allgemeinen Ethik. Als Reflexionstheorie der Moral wertet und urteilt sie ĂŒber das Gute und Richtige.

Angewandte Ethik

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Hauptartikel

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Angewandte Ethik

Angewandte Ethik baut auf der normativen Ethik auf. Sie Ă€ußert sich als Individual- und Sozialethik sowie in den Bereichsethiken zu spezifischen Lebensbereichen, beispielsweise Medizinethik oder Wirtschaftsethik. Ethikkommissionen, -rĂ€te und -institute erarbeiten Normen oder Handlungsempfehlungen fĂŒr bestimmte Bereiche.

Deskriptive Ethik

HÀufig nicht zum klassischen Kanon der Ethik gerechnet wird die deskriptive Ethik, die sich versteht als empirische Untersuchung, Beschreibung und ursÀchliche ErklÀrung von Normensystemen innerhalb von Gesellschaften, und dabei keine moralischen Urteile fÀllt.

Die Erfassung der in gegenwĂ€rtigen und vergangenen Gesellschaften und Kulturen verbreiteten Moral ist Thema der Kulturanthropologie. Die Moralsoziologie fokussiert stĂ€rker die Funktion von Moral innerhalb einer Gesellschaft. Wie einzelne Menschen Moralvorstellungen erwerben und ihnen gemĂ€ĂŸ handeln oder nicht handeln, ist Gegenstand der Moralpsychologie. Soweit fĂŒr die ErklĂ€rung der Entstehung und Entwicklung von Moral eine evolutionstheoretische Sichtweise herangezogen wird, kommen AnsĂ€tze der Soziobiologie ins Spiel.cite-ref-6[6]

BegrĂŒndungen normativer SĂ€tze

GrĂŒnde fĂŒr und gegen Moral

Die Frage, ob man ĂŒberhaupt moralisch sein soll, wird in Platons Politeia im ersten Kapitel aufgeworfen. In der Moderne wurde der Diskurs um die Frage von Bradleycite-ref-7[7] und Prichard eingeleitet.

Metaethische Kognitivisten behaupten, erkennen zu können, wie man moralisch handeln solle. Somit stellt sich ihnen die Frage, ob man das ĂŒberhaupt tun soll nicht mehr, da sie auch gleich mit erkennen, dass man dies tun soll.

Metaethische Nonkognitivisten hingegen mĂŒssen die Frage, ob man moralisch handeln soll, klĂ€ren. Die Diskussion wird in der Philosophie zumeist anhand der Frage „Warum soll man moralisch sein?“ gefĂŒhrt. Das Sollen innerhalb der Frage ist dabei kein moralisches Sollen, sondern verweist auf eine Akzeptanz besserer GrĂŒnde, z. B. anhand der Theorie der rationalen Entscheidung. Die Antwort auf die Frage hĂ€ngt also ab vom jeweiligen VerstĂ€ndnis von Vernunft.

Die Frage, ob man moralisch sein soll oder nicht, wird beantwortet mit:

‱ „Ja“ von allen, die GrĂŒnde fĂŒr Moral anfĂŒhren,cite-ref-8[8]
‱ „Nein“ von den Amoralisten,
‱ „Das muss jeder fĂŒr sich selbst entscheiden“ von Dezisionisten.

Die Situation des Menschen, der sich zwischen diesen Antworten entscheiden muss, hat ihre klassische Gestaltung in der so genannten Prodikos-Fabel von Herakles am Scheideweg gefunden, die auch von vielen christlichen Autoren rezipiert wurde.

Absolute BegrĂŒndung der Moral

Eine bekannte absolute MoralbegrĂŒndung ist die der LetztbegrĂŒndung von Karl-Otto Apel. Angenommen jemand lehnt es ab, ĂŒber Zwecke zu reden, dann sei diese Ablehnung bereits ein Reden ĂŒber Zwecke. Insofern ist dies ein so genannter performativer Selbstwiderspruch.

MoralbegrĂŒndung aus Sicht der Systemtheorie verzichtet darauf, zu begrĂŒnden, warum Individuen moralisch handeln sollen. Stattdessen wird dargelegt, warum Moral als Regulierungsfunktion des Kommunikationssystems unentbehrlich ist (s. a. AGIL-Schema).

Relative BegrĂŒndungen der Moral

Viele Philosophen behaupten, dass man zwar nicht beweisen kann, dass Amoralismus logisch widersprĂŒchlich ist, dass aber im wirklichen Leben Amoralisten viele Nachteile haben, so dass moralisches Verhalten grĂ¶ĂŸere RentabilitĂ€t im Sinne der Theorie der rationalen Entscheidung besitzt. Ethik wird mit dieser Form von MoralbegrĂŒndung zu einer Spezialform von ZweckrationalitĂ€t. Einer der wichtigsten Vertreter dieser Argumentationslinie ist David Gauthier.

Viele Philosophen dieser Richtung berufen sich auf den Grundsatz quid pro quo oder auf Tit-for-Tat-Strategien.

Andere meinen, Amoralisten seien auf Einsamkeit festgelegt, da man ihnen nicht vertrauen könne und auch sie niemandem vertrauen könnten. Daher könnten sie eines der wichtigsten LebensgĂŒter, soziale Gemeinschaft und Anerkennung, nie erreichen.

Nach R. M. Hare können Amoralisten keine moralischen Begriffe gebrauchen und daher nicht von ihren Mitmenschen fordern, sie fair zu behandeln. Die Möglichkeit entsprechender LĂŒgen sah Hare nicht. Hare behauptete zudem, der Aufwand, den Amoralisten treiben mĂŒssten, um ihre Überzeugung zu verschleiern, wĂ€re so groß, dass sie sozial immer im Nachteil seien.

Amoralisten kritisieren verschiedene MoralbegrĂŒndungen, indem sie darauf verweisen, dass es in vielen Teilen der Welt relativ stabile VerhĂ€ltnisse gibt, die ĂŒblichen moralischen Vorstellungen widersprechen, z. B. völkerrechtswidrige Kriege um Ressourcen, Sklaverei oder erfolgreiche Mafia-Organisationen. Siehe ethischer Relativismus.

Dezisionismus

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Hauptartikel

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Dezisionismus

Dezision (von latein. decidere: entscheiden, fallen, abschneiden) bedeutet so viel wie Entscheidung. Der Begriff des Dezisionismus wird oft in pejorativer Bedeutung gebraucht von Metaethischen Kognitivisten gegenĂŒber Philosophen, die nur relative BegrĂŒndungen der Moral anerkennen, z. B. Hare oder Popper und Hans Albert.

Dezisionisten sehen keine Alternative zu Prinzipienentscheidungen, die aus logischen oder pragmatischen GrĂŒnden ihrerseits nicht mehr weiter begrĂŒndet werden können. So behauptete z. B. Henry Sidgwick, der Mensch mĂŒsse sich zwischen Utilitarismus und Egoismus entscheiden.

Dem Dezisionismus wird von seinen Kritikern Ă€hnlich wie dem metaethischen Nonkognitivismus entgegengehalten, dass auch Entscheidungen wiederum einer Bewertung unterzogen werden könnten: Man entscheide sich nicht fĂŒr bestimmte ethische Prinzipien, sondern diese wĂŒrden umgekehrt die Grundlage von Entscheidungen darstellen.

Außerdem argumentieren Vertreter des Naturrechts dafĂŒr, dass sich die ObjektivitĂ€t der Ethik (also das Sollen) auf die Natur bzw. das Wesen des Seienden und letztlich auf das Sein selbst (z. B. Gott) zurĂŒckfĂŒhren ließen.

Ethische Grundbegriffe

Moralische Handlungen

Im Mittelpunkt deontologischer Ethiken steht der Begriff der Handlung. Sie wird in erster AnnĂ€herung definiert als „eine von einer Person verursachte VerĂ€nderung des Zustands der Welt“.cite-ref-9[9] Die VerĂ€nderung kann eine Ă€ußere, in Raum und Zeit beobachtbare oder eine innere, mentale VerĂ€nderung sein. Auch die Art und Weise, wie man von außen einwirkenden Ereignissen begegnet, kann im weiteren Sinne als Handlung bezeichnet werden.

Absicht und Freiwilligkeit

Handlungen unterscheiden sich von Ereignissen dadurch, dass wir als ihre Ursache nicht auf ein weiteres Ereignis verweisen, sondern auf die Absicht des Handelnden. Die Absicht (lateinisch intentio; nicht zu verwechseln mit dem juristischen Absichtsbegriff, dem dolus directus 1. Grades) ist ein von der Handlung selbst zu unterscheidender Akt. Geplanten Handlungen liegt eine zeitlich vorausgehende Absicht zugrunde. Wir fĂŒhren die Handlung so aus, wie wir sie uns vorher schon vorgenommen hatten. Der Begriff der Absicht ist von dem der Freiwilligkeit zu unterscheiden. Die Freiwilligkeit ist eine Eigenschaft, die zur Handlung selbst gehört. Der Begriff der Freiwilligkeit ist weiter als der der Absicht; er umfasst auch die spontanen Handlungen, bei denen nicht mehr von einer Absicht im engeren Sinne gesprochen werden kann.

Siehe auch

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Freier Wille

Wissen und Willen

Eine Handlung ist dann freiwillig, wenn sie mit Wissen und Willen durchgefĂŒhrt wird.

Die Unwissenheit kann dabei allerdings nur dann die Freiwilligkeit einer Handlung aufheben, wenn die handelnde Person sich nach besten KrĂ€ften vorher informiert hat, und sie mit dem ihr fehlenden Wissen anders gehandelt hĂ€tte. War dem Handelnden eine Kenntnis der Norm oder der Folgen zuzumuten, ist er fĂŒr ihre Übertretung verantwortlich (ignorantia crassa oder supina). Noch weniger entschuldigt jene Unkenntnis, die absichtlich zum Vermeiden eines Konflikts mit der Norm herbeigefĂŒhrt wurde (ignorantia affectata), wenn also z. B. bewusst vermieden wird, sich ĂŒber ein Gesetz zu informieren, um sagen zu können, man hĂ€tte von einem bestimmten Verbot nicht gewusst. Das Sprichwort sagt zu Recht: „Unwissenheit schĂŒtzt vor Strafe nicht“. Auch im deutschen Strafrecht wird diesem Sachverhalt Rechnung getragen. So heißt es z. B. in § 17 StGB:cite-ref-10[10]

„Fehlt dem TĂ€ter bei Begehung der Tat die Einsicht, Unrecht zu tun, so handelt er ohne Schuld, wenn er diesen Irrtum nicht vermeiden konnte. Konnte der TĂ€ter den Irrtum vermeiden, so kann die Strafe nach § 49 Abs. 1 gemildert werden.“

FĂŒr die sittliche Bewertung einer Handlung ist außerdem das effektive Wollen wesentlich, die Absicht ihrer Verwirklichung. Das setzt voraus, dass zumindest der Handelnde der Auffassung war, dass ihm eine Verwirklichung seiner Absicht möglich sei, d. h., dass das Ergebnis von seinem Handeln kausal herbeigefĂŒhrt werden könne. Unterliegt der Handelnde einem Ă€ußeren Zwang, hebt dieser die Freiwilligkeit der Handlung im Allgemeinen auf.

Handlungsprinzipien

Absichten finden ihren Ausdruck in praktischen GrundsĂ€tzen. Diese können zunĂ€chst einmal in inhaltliche und formale GrundsĂ€tze unterschieden werden. Inhaltliche GrundsĂ€tze legen konkrete inhaltliche GĂŒter (Leben, Gesundheit, Besitz, VergnĂŒgen, Umwelt etc.) als Bewertungskriterium fĂŒr das Handeln zugrunde. Sie sind teilweise subjektiv und haben unter UmstĂ€nden einen dezisionistischen Charakter. In diesen FĂ€llen können sie ihre eigene Vorrangstellung nicht gegenĂŒber anderen, konkurrierenden inhaltlichen GrundsĂ€tzen begrĂŒnden.

Formale GrundsĂ€tze verzichten auf einen Bezug zu konkreten inhaltlichen GĂŒtern. Das bekannteste Beispiel ist der Kategorische Imperativ Kants.

Es lassen sich grundsÀtzlich drei Ebenen der praktischen SÀtze voneinander unterscheiden:cite-ref-11[11]

1. ein oberstes Prinzip praktischer Überlegungen (wie z. B. der Kategorische Imperativ)
2. praktische GrundsÀtze, die sich aus dem obersten Prinzip ableiten (wie z. B. die zehn Gebote)
3. SĂ€tze, die Entscheidungen formulieren, indem sie Maximen auf konkrete Lebenssituationen anwenden

Die Ethik ist hĂ€ufig nur in der Lage, Aussagen zu den ersten beiden Ebenen zu machen. Die Übertragung von praktischen GrundsĂ€tzen auf eine konkrete Situation, erfordert das Vermögen der praktischen Urteilskraft. Nur mit seiner Hilfe können eventuell auftretende Zielkonflikte gelöst und die voraussichtlichen Folgen von Entscheidungen abgeschĂ€tzt werden.

Handlungsfolgen

Wesentlich fĂŒr die ethische Bewertung von Handlungen sind die mit ihnen verbundenen Folgen. Diese werden unterschieden in motivierende und in Kauf genommene Folgen. Motivierende Folgen sind solche, um derentwillen eine Handlung ausgefĂŒhrt wird. Sie werden vom Handelnden unmittelbar angezielt („Voluntarium in se“).

In Kauf genommene Folgen („Voluntarium in causa“) werden zwar nicht unmittelbar angezielt, aber als Nebenwirkung der motivierenden Folgen vorausgesehen und bewusst zugelassen (Prinzip der Doppelwirkung). So unterliegt beispielsweise bewusste FahrlĂ€ssigkeit als bedingter Vorsatz (dolus eventualis) der ethischen und rechtlichen Verantwortung: Volltrunkenheit entschuldigt nicht bei einem Verkehrsunfall.

Tun und Unterlassen

Bereits Thomas von Aquincite-ref-12[12] unterscheidet eine zweifache KausalitĂ€t des Willens: die „direkte“ Einwirkung des Willens, in der durch den Willensakt ein bestimmtes Ereignis hervorgerufen wird, und die „indirekte“, in der ein Ereignis dadurch eintritt, dass der Wille untĂ€tig bleibt. Tun und Unterlassen unterscheiden sich hierbei nicht hinsichtlich ihrer Freiwilligkeit. Beim Unterlassen verzichtet jemand auf das Eingreifen in einen Prozess, obwohl er die Möglichkeit dazu hĂ€tte. Auch das Unterlassen kann daher als Handlung aufgefasst werden und strafbar sein.

Die strikte Unterscheidung zwischen diesen beiden Handlungsformen, die z. B. in der medizinischen Ethik eine große Rolle spielt (vgl. aktive und passive Sterbehilfe etc.), erscheint daher vom ethischen Standpunkt aus gesehen als teilweise fragwĂŒrdig.

Das Ziel menschlichen Handelns

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Hauptartikel

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Teleologie

Im Mittelpunkt teleologischer Ethiken steht die Frage, was ich mit meiner Handlung letztlich bezwecke, welches Ziel ich mit ihr verfolge. Der Begriff „Ziel“ (finis, telos) ist hier insbesondere als „letztes Ziel“ oder „Endziel“ zu verstehen, von dem all mein Handeln bestimmt wird.

GlĂŒck als letztes Ziel

In der Tradition wird als letztes Ziel des Menschen hĂ€ufig das GlĂŒck oder die GlĂŒckseligkeit (beatitudo) genannt. Der Ausdruck „GlĂŒck“ wird dabei in einem mehrdeutigen Sinne gebraucht:

‱ zur Bezeichnung eines gelungenen und guten Lebens, dem nichts Wesentliches fehlt („LebensglĂŒck“, eudaimonia)
‱ zur Bezeichnung gĂŒnstiger LebensumstĂ€nde („ZufallsglĂŒck“, eutychia)
‱ zur Bezeichnung des subjektiven Wohlbefindens (GlĂŒck als Lust, hedone)

Philosophiegeschichtlich konkurrieren die Bestimmungen von GlĂŒck als „LebensglĂŒck“ und als subjektives Wohlbefinden miteinander. FĂŒr die EudĂ€monisten (Platon, Aristoteles) ist GlĂŒck die Folge der Verwirklichung einer Norm, die als Telos im Wesen des Menschen angelegt ist. GlĂŒcklich ist dieser Konzeption zufolge vor allem, wer auf vernĂŒnftige Weise tĂ€tig ist.

FĂŒr die Hedonisten (Sophisten, klassische Utilitaristen) gibt es kein zu verwirklichendes Telos des Menschen mehr; es steht keine objektive Norm zur VerfĂŒgung, um zu entscheiden, ob jemand glĂŒcklich ist. Dies fĂŒhrt zu einer Subjektivierung des GlĂŒcksbegriffs. Es obliege allein dem jeweiligen Individuum, zu bewerten, ob es glĂŒcklich ist. GlĂŒck wird zum Teil auch mit dem Erreichen von GĂŒtern wie Macht, Reichtum, Ruhm etc. gleichgesetzt.

Sinn und Ziel

Das Wort „Sinn“ bezeichnet grundsĂ€tzlich die QualitĂ€t von etwas, das dieses verstehbar macht. Wir verstehen etwas dadurch, indem wir erkennen, worauf es „hingeordnet“ ist, wozu es dient. Die Frage nach dem Sinn steht also in einem engen Zusammenhang mit der Frage nach dem Ziel oder Zweck von etwas. Auch der Sinn einer Handlung oder gar des ganzen Lebens kann nur beantwortet werden, wenn die Frage nach seinem Ziel geklĂ€rt ist. Eine menschliche Handlung bzw. ein gesamtes Leben ist dann sinnvoll, wenn es auf dieses Ziel hin ausgerichtet ist.

Das Gute

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Hauptartikel

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Das Gute

Der Begriff „gut“

„Gut“ gehört wie der Begriff „seiend“ zu den ersten und daher nicht mehr definierbaren Begriffen. Es wird zwischen einem adjektivischen und einem substantivischen Gebrauch unterschieden.

Als Adjektiv bezeichnet das Wort „gut“ generell die Hinordnung eines „Gegenstandes“ auf eine bestimmte Funktion oder einen bestimmten Zweck. So spricht man z. B. von einem „guten Messer“, wenn es seine im PrĂ€dikator „Messer“ ausgedrĂŒckte Funktion erfĂŒllen – also z. B. gut schneiden kann. Analog spricht man von einem „guten Arzt“, wenn er in der Lage ist, seine Patienten zu heilen und Krankheiten zu bekĂ€mpfen. Ein „guter Mensch“ ist demnach jemand, der in seinem Leben auf das hin ausgerichtet ist, was das Menschsein ausmacht, also dem menschlichen Wesen bzw. seiner Natur entspricht.

Als Substantiv bezeichnet das Wort „das Gut“ etwas, auf das hin wir unser Handeln ausrichten. Wir gebrauchen es normalerweise in dieser Weise, um „eine unter bestimmten Bedingungen vollzogene Wahl als richtig oder gerechtfertigt zu beurteilen“.cite-ref-13[13] So kann beispielsweise eine Aussage wie „Die Gesundheit ist ein Gut“ als Rechtfertigung fĂŒr die Wahl einer bestimmten Lebens- und ErnĂ€hrungsweise dienen. In der philosophischen Tradition war man der Auffassung, dass prinzipiell jedes Seiende – unter einer gewissen RĂŒcksicht – Ziel des Strebens sein könne („omne ens est bonum“). Daher wurde die „Gutheit“ des Seienden zu den Transzendentalien gerechnet.

GemĂ€ĂŸ der Analyse von Richard Mervyn Hare werden wertende Wörter wie „gut“ oder „schlecht“ dazu verwendet, in Entscheidungssituationen Handeln anzuleiten bzw. Empfehlungen zu geben. Die Wörter „gut“ oder „schlecht“ haben demnach keine beschreibende (deskriptive), sondern eine vorschreibende (prĂ€skriptive) Funktion.

Dies kann an einer außermoralischen Verwendung des Wortes „gut“ verdeutlicht werden. Wenn ein VerkĂ€ufer zum Kunden sagt: „Dies ist ein guter Wein“, dann empfiehlt er den Kauf dieses Weines, er beschreibt damit jedoch keine wahrnehmbare Eigenschaft des Weines. Insofern es jedoch sozial verbreitete Bewertungsstandards fĂŒr Weine gibt (er darf nicht nach Essig schmecken, man darf davon keine Kopfschmerzen bekommen etc.), so bedeutet die Bewertung des Weines als „gut“, dass der Wein diese Standards erfĂŒllt und dass er somit auch bestimmte empirische Eigenschaften besitzt.

Die Bewertungskriterien, die an eine Sache angelegt werden, können je nach dem Verwendungszweck variieren. Ein herber Wein mag als Tafelwein gut, fĂŒr sich selbst getrunken dagegen eher schlecht sein. Der Verwendungszweck einer Sache ist keine feststehende Eigenschaft der Sache selbst, sondern beruht auf menschlicher Setzung. Eine Sache ist „gut“ – immer bezogen auf bestimmte Kriterien. Wenn der VerkĂ€ufer sagt: „Dies ist ein sehr guter Tafelwein“ dann ist er so, wie er gemĂ€ĂŸ den ĂŒblichen Kriterien fĂŒr Tafelwein sein soll.

Wenn das Wort „gut“ in moralischen ZusammenhĂ€ngen gebraucht wird („Dies war eine gute Tat“), so empfiehlt man die Tat und drĂŒckt aus, dass sie so war, wie sie sein soll. Man beschreibt damit jedoch nicht die Tat. Wird auf allgemein anerkannte moralische Kriterien Bezug genommen, drĂŒckt man damit zugleich aus, dass die Tat bestimmte empirische Eigenschaften besitzt, z. B. eine ZurĂŒckstellung des Eigeninteresses zugunsten ĂŒberwiegender Interessen von Mitmenschen.

Das höchste Gut

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Hauptartikel

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Höchstes Gut

Als das höchste Gut (summum bonum) wird das bezeichnet, was nicht nur unter einer bestimmten RĂŒcksicht (fĂŒr den Menschen) gut ist, sondern schlechthin, da es dem Menschen als Menschen ohne EinschrĂ€nkung entspricht. Es ist identisch mit dem „unbedingt Gesollten“. Seine inhaltliche Bestimmung hĂ€ngt ab von der jeweiligen Sicht der Natur des Menschen. In der Tradition wurden dabei die unterschiedlichsten LösungsvorschlĂ€ge prĂ€sentiert:

‱ das GlĂŒck (EudĂ€monismus)
‱ die Lust (Hedonismus)
‱ Wohlbefinden – etwa GlĂŒcklichsein und Leidvermeidung (Utilitarismus)cite-ref-14[14]cite-ref-15[15]cite-ref-16[16]
‱ Macht (Machiavelli)
‱ Einheit mit Gott bzw. Gott selbst (christliche Philosophie)
‱ Erwachen (bodhi) zu Weisheit und MitgefĂŒhl (Buddhismus)
‱ BedĂŒrfnisbefriedigung (Hobbes)
‱ Einheit von Tugend und GlĂŒck (Kant)
‱ Freiheit (Sartre)

Werte

Der Begriff „Wert“ stammte ursprĂŒnglich aus der Politischen Ökonomie, in der Adam Smith, David Ricardo und spĂ€ter Karl Marx unter anderem die Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert untersuchten. Erst in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts wurde „Wert“ ein philosophischer Terminus, der im Rahmen der Wertphilosophie (Max Scheler u. a.) eine zentrale Bedeutung einnahm. Dort fĂŒhrte man ihn als Gegenbegriff zur Kantischen Pflichtethik ein, in der Annahme, dass Werten vor allen VernunftĂŒberlegungen eine „objektive GĂŒltigkeit“ zukommen wĂŒrde.

In der Alltagssprache taucht der Begriff auch in jĂŒngster Zeit wieder verstĂ€rkt auf, gerade wenn von „Grundwerten“, einem „Wertewandel“ oder einer „neuen Wertedebatte“ die Rede ist.

Der Wertbegriff weist große Ähnlichkeiten mit dem Begriff des Guten auf. Er wird wie dieser grundsĂ€tzlich in einer subjektiven und einer objektiven Variante gebraucht:

‱ als „objektiver Wert“ bezeichnet er den „Wert“ von bestimmten GĂŒtern fĂŒr den Menschen – wie z. B. den Wert des menschlichen Lebens, der Gesundheit etc. Dies entspricht der Bedeutung von „bonum physicum“ („physisches Gut“).
‱ als „subjektive Werthaltung“ bezeichnet er das, was mir wertvoll ist, meine „Wertvorstellungen“ – wie Treue, Gerechtigkeit etc. Dies entspricht der Bedeutung von „bonum morale“ („sittliches Gut“).

Im Vergleich zum Begriff des Guten kommt dem Wertbegriff allerdings eine stĂ€rkere gesellschaftliche Bedingtheit zu. So spricht man von einem „Wertewandel“, wenn man ausdrĂŒcken will, dass sich bestimmte, in einer Gesellschaft allgemein akzeptierte Handlungsnormen im Verlauf der Geschichte verĂ€ndert haben. Damit meint man aber in der Regel nicht, dass das, was frĂŒher fĂŒr gut gehalten wurde, nun „tatsĂ€chlich“ nicht mehr gut sei, sondern nur, dass sich das allgemeine Urteil darĂŒber geĂ€ndert habe.

Tugend

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Tugend

Die richtige AbwĂ€gung ethischer GĂŒter und ihre Durchsetzung setzt Tugend voraus. In ihrer klassischen Definition formuliert sie Aristoteles als jene feste Grundhaltung, von der aus [der Handelnde] tĂŒchtig wird und die ihm eigentĂŒmliche Leistung in vollkommener Weise zustande bringt (NE 1106a).cite-ref-ne-17-0[17]

Die Leistung der ethischen Tugenden besteht vor allem darin, im Menschen eine Einheit von sinnlichem Strebevermögen und sittlicher Erkenntnis zu bewirken. Ein Mensch gilt erst dann als „gut“, wenn er zur inneren Einheit mit sich selbst gekommen ist und das als richtig Erkannte auch affektiv voll bejaht. Dies ist nach Aristoteles nur durch eine Integration der GefĂŒhle durch die ethischen Tugenden möglich. Ungeordnete GefĂŒhle verfĂ€lschen das sittliche Urteil. Das Ziel der Einheit von Vernunft und GefĂŒhl fĂŒhrt ĂŒber eine bloße Ethik der richtigen Entscheidung hinaus. Es kommt nicht nur darauf an, was wir tun, sondern auch wer wir sind.

Tugend setzt neben Erkenntnis eine Gewöhnung voraus, die durch Erziehung und soziale Praxis erreicht wird. Wir werden gerecht, mutig etc., indem wir uns in Situationen begeben, wo wir uns entsprechend verhalten können. Die wichtigste Rolle kommt dabei der Tugend der Klugheit (phronesis) zu. Ihr obliegt es, die rechte „Mitte“ zwischen den Extremen zu finden und sich fĂŒr die optimale Lösung in der konkreten Situation zu entscheiden.

Sollen

Der Begriff „sollen“ ist ein Grundbegriff deontologischer EthikansĂ€tze. Er bezieht sich – als Imperativ – auf eine Handlung, mit der ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll. Dabei mĂŒssen folgende Bedingungen erfĂŒllt sein:

‱ das vorgegebene Ziel kann verfehlt werden
‱ das vorgegebene Ziel steht nicht in Konkurrenz zu anderen, ĂŒbergeordneten Zielen
‱ das vorgegebene Ziel kann prinzipiell erreicht werden („Jedes Sollen impliziert ein Können“)

Sprachanalytisch lÀsst sich das Sollen mit Hilfe der sogenannten deontischen PrÀdikatoren erklÀren. Diese beziehen sich auf die sittliche Verbindlichkeit von Handlungen. Folgende Varianten sind dabei zu unterscheiden:

‱ moralisch möglich,
‱ moralisch notwendig,
‱ moralisch unmöglich.

Moralisch mögliche Handlungen sind sittlich erlaubt, d. h. man darf so handeln. Moralisch notwendige Handlungen sind sittlich geboten. Hier spricht man davon, dass wir etwas tun sollen bzw. die Pflicht haben, etwas zu tun. Moralisch unmögliche Handlungen sind sittlich verbotene Handlungen, die wir nicht ausfĂŒhren dĂŒrfen; siehe auch SĂŒnde.

Das VerhÀltnis zum Guten

Die Begriffe „gut“ und „gesollt“ sind zwar eng miteinander verwandt, aber nicht deckungsgleich. So können wir in Situationen stehen, in denen wir nur zwischen schlechten Alternativen wĂ€hlen können. Hier ist es gesollt, dass wir uns fĂŒr das „geringere Übel“ entscheiden. Umgekehrt ist nicht alles Gute auch gesollt. Das kann z. B. der Fall sein, wenn das Erreichen eines Gutes ein anderes Gut ausschließt. Hier muss eine GĂŒterabwĂ€gung erfolgen, die zum Verzicht eines Gutes fĂŒhrt.

Gerechtigkeit

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Hauptartikel

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Gerechtigkeit

Der Begriff der Gerechtigkeit ist seit der intensiven Diskussion um die „Theorie der Gerechtigkeit“ von John Rawls und vor allem seit der aktuellen politischen Debatte um die Aufgaben des Sozialstaates (Betonung der Chancen- und Leistungsgerechtigkeit gegenĂŒber der Verteilungsgerechtigkeit) wieder stark ins Blickfeld geraten.

„Gerecht“ wird – wie der Begriff „gut“ – in vielerlei Bedeutungen gebraucht. Es werden Handlungen, Haltungen, Personen, VerhĂ€ltnisse, politische Institutionen und zuweilen auch Affekte (der „gerechte Zorn“) als gerecht bezeichnet. GrundsĂ€tzlich kann zwischen einem „subjektiven“ und einem „objektiven“ Gebrauch unterschieden werden, wobei beide Varianten aufeinander bezogen sind.

Die subjektive oder besser personale Gerechtigkeit bezieht sich auf das Verhalten oder die ethische Grundhaltung einer Einzelperson. Eine Person kann gerecht handeln ohne gerecht zu sein und umgekehrt. Damit im Zusammenhang steht die kantische Unterscheidung zwischen LegalitĂ€t und MoralitĂ€t. Legale Handlungen sind nach außen hin betrachtet in Übereinstimmung mit dem Sittengesetz, geschehen aber nicht ausschließlich aufgrund moralischer BeweggrĂŒnde, sondern z. B. auch aus Angst, Opportunismus etc. Bei moralischen Handlungen dagegen stimmen Handlung und Motiv miteinander ĂŒberein. In diesem Sinne wird Gerechtigkeit als eine der vier Kardinaltugenden bezeichnet.

Die objektive oder institutionelle Gerechtigkeit bezieht sich auf die Bereiche Recht und Staat. Hier geht es immer um Pflichten innerhalb einer Gemeinschaft, die das Gleichheitsprinzip berĂŒhren. Es ist grundsĂ€tzlich zu unterscheiden zwischen der ausgleichenden Gerechtigkeit (iustitita commutativa) und Verteilungsgerechtigkeit (iustitita distributiva). Bei der ausgleichenden Gerechtigkeit tritt der Wert einer Ware oder Leistung in den Vordergrund. Bei der Verteilungsgerechtigkeit geht es um den Wert der beteiligten Personen.

Die Gerechtigkeit der Einzelpersonen und der Institutionen sind in einem engen Zusammenhang zueinander zu sehen. Ohne gerechte BĂŒrger werden keine gerechten Institutionen geschaffen oder aufrechterhalten werden können. Ungerechte Institutionen erschweren andererseits die Entfaltung der Individualtugend der Gerechtigkeit.

Das Anliegen der Ethik beschrĂ€nkt sich nicht auf das Thema „Gerechtigkeit“. Zu den Tugenden gehören noch diejenigen, die man vor allem sich selbst gegenĂŒber hat (Klugheit, MĂ€ĂŸigung, Tapferkeit). Zu den ethischen Pflichten gegenĂŒber anderen zĂ€hlt noch die Pflicht des Wohltuns (beneficientia), die ĂŒber die Gerechtigkeit hinausgeht und ihre Wurzel letztlich in der Liebe hat. WĂ€hrend der Gerechtigkeit das Gleichheitsprinzip zugrunde liegt, ist dies beim Wohltun die Notlage oder BedĂŒrftigkeit des anderen. Diese Unterscheidung entspricht der zwischen „iustitia“ und „caritas“ (Thomas von Aquin), Rechts- und Tugendpflichten (Kant) bzw. in der Gegenwart der zwischen „duties of justice“ und „duties of charity“ (Philippa Foot).

Ethische Theorien

Klassen ethischer oder moralphilosophischer Theorien lassen sich danach unterscheiden, welche Kriterien sie fĂŒr die Bestimmung des moralisch Guten zugrunde legen. Das moralisch Gute kann bestimmt werden durch:

‱ die Verhaltensdispositionen, Charaktereigenschaften und „Tugenden“ (Tugendethiken);
‱ die Absichten des Handelnden (Gesinnungsethiken);
‱ objektive moralische Tatsachen, etwa objektive moralische GĂŒter oder Handlungsbewertungen betreffend (Deontologische Ethiken);
‱ die Optimierung

‱ die Interessen der Betroffenen (PrĂ€ferenz-Utilitaristische Ethiken),
‱ das GlĂŒck (EudĂ€monie)
‱ oder die Wohlfahrt.

Dabei werden unterschiedlichste Kombinationen und feinere moraltheoretische Bestimmungen vertreten.

Teleologische oder deontologische Ethik

Die verschiedenen EthikansĂ€tze werden traditionell prinzipiell danach unterschieden, ob sie ihren Schwerpunkt auf die Handlung selbst (deontologische EthikansĂ€tze) oder auf die Handlungsfolgen (teleologische EthikansĂ€tze) legen. Die Unterscheidung geht zurĂŒck auf C. D. Broadcite-ref-18[18] und wurde bekannt durch William K. Frankena. In dieselbe Richtung geht auch die Aufteilung Max Webers in Gesinnungs- und Verantwortungsethiken, wobei diese von ihm als Polemik gegenĂŒber Gesinnungsethiken verstanden wurde.

Teleologische Ethiken

Das griechische Wort „telos“ bedeutet so viel wie Vollendung, ErfĂŒllung, Zweck oder Ziel. Unter teleologischen Ethiken versteht man daher solche TheorieansĂ€tze, die ihr Hauptaugenmerk auf bestimmte Zwecke oder Ziele richten. In ihnen wird die Forderung erhoben, Handlungen sollten ein Ziel anstreben, das in einem umfassenderen VerstĂ€ndnis gut ist. Der Inhalt dieses Zieles wird von den verschiedenen Richtungen auf recht unterschiedliche Art und Weise bestimmt.

Teleologische Ethiken geben valuativen SĂ€tzen einen Vorrang gegenĂŒber normativen SĂ€tzen. FĂŒr sie stehen GĂŒter und Werte im Vordergrund. Die menschlichen Handlungen sind insbesondere insofern von Interesse, als sie hinderlich oder förderlich zum Erreichen dieser GĂŒter und Werte sein können. Eine Handlung ist dann auszufĂŒhren und nur dann, wenn sie oder die Regel, unter die sie fĂ€llt, ein grĂ¶ĂŸeres Überwiegen des Guten ĂŒber das Schlechte herbeifĂŒhrt, vermutlich herbeifĂŒhren wird oder herbeifĂŒhren sollte als jede erreichbare Alternative (Frankena).cite-ref-19[19]

Innerhalb teleologischer EthikansĂ€tze wird wiederum zwischen „onto-teleologischen“ und „konsequentialistisch-teleologischen“ AnsĂ€tzen unterschieden.

In onto-teleologischen AnsĂ€tzen – klassisch vertreten durch Aristoteles – wird davon ausgegangen, dass das zu erstrebende Gut in gewisser Weise dem Menschen selbst als Teil seiner Natur innewohne. Es wird gefordert, dass der Mensch so handeln und leben solle, wie es seiner Wesensnatur entspricht, um so seine artspezifischen Anlagen auf bestmögliche Weise zu vervollkommnen.

In konsequentialistisch-teleologischen AnsĂ€tzen hingegen wird nicht mehr von einer letzten vorgegebenen Zweckhaftigkeit des menschlichen Daseins ausgegangen. Das zu erstrebende Ziel wird daher durch einen außerhalb des handelnden Subjekts liegenden Nutzen bestimmt. Dieser Ansatz wird bereits in der Antike (Epikur) und spĂ€ter in seiner typischen Form durch den Utilitarismus vertreten.

Deontologische Ethiken

Das griechische Wort to deon bedeutet „das Schickliche, die Pflicht“. Deontologische Ethiken kann man daher mit Sollensethiken gleichsetzen. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass bei ihnen den Handlungsfolgen nicht dieselbe Bedeutung zukommt wie in teleologischen Ethiken. Innerhalb der deontologischen Ethiken wird hĂ€ufig zwischen aktdeontologischen (z. B. Jean-Paul Sartre) und regeldeontologischen Konzeptionen (z. B. Immanuel Kant) unterschieden. WĂ€hrend die Regeldeontologie allgemeine Handlungstypen als verboten, erlaubt oder geboten ausweist (vgl. z. B. das LĂŒgenverbot oder die Pflicht, Versprechen zu halten), bezieht sich den aktdeontologischen Theorien zufolge das deontologische Moralurteil unmittelbar auf spezifische Handlungsweisen in jeweils bestimmten Handlungssituationen.

In deontologischen Ethiken haben normative SĂ€tze eine Vorrangstellung gegenĂŒber valuativen SĂ€tzen. FĂŒr sie bilden Gebote, Verbote und Erlaubnisse die Grundbegriffe. Es rĂŒcken die menschlichen Handlungen in den Vordergrund, da nur sie gegen eine Norm verstoßen können. Robert Spaemann charakterisiert sie als moralische Konzepte, [
] fĂŒr welche bestimmte Handlungstypen ohne Beachtung der weiteren UmstĂ€nde immer verwerflich sind, also z. B. die absichtliche direkte Tötung eines unschuldigen Menschen, die Folter oder der außereheliche Beischlaf eines verheirateten Menschen.cite-ref-20[20]

Kritik an der Unterscheidung

Die Unterscheidung zwischen teleologischen und deontologischen Ethiken wird von einigen Kritikerncite-ref-21[21] als fragwĂŒrdig bezeichnet. In der Praxis sind auch selten AnsĂ€tze zu finden, die eindeutig einer der beiden Richtungen zugeordnet werden könnten.

Einer strikten deontologischen Ethik mĂŒsste es gelingen, Handlungen aufzuzeigen, die „in sich“, völlig losgelöst von ihren Folgen, als unsittlich und „in sich schlecht“ zu bezeichnen wĂ€ren. Diese wĂ€ren dann „unter allen UmstĂ€nden“ zu tun oder zu unterlassen gemĂ€ĂŸ dem Spruch Fiat iustitia et pereat mundus („Gerechtigkeit geschehe, und sollte die Welt darĂŒber zugrunde gehen“, Ferdinand I. von Habsburg). Bekannte Beispiele solcher Handlungen sind die „Tötung Unschuldiger“ oder die nach Kant unzulĂ€ssige LĂŒge. In den Augen der Kritiker liegt in diesen FĂ€llen hĂ€ufig eine „petitio principii“ vor. Wenn z. B. die Tötung Unschuldiger als Mord und dieser wiederum als unsittliche Handlung definiert wird, könne sie natĂŒrlich in jedem Fall als „in sich schlecht“ bezeichnet werden. Das Gleiche gelte fĂŒr die LĂŒge, wenn sie als unerlaubtes VerfĂ€lschen der Wahrheit bezeichnet wird.

Gerade in der Analyse ethischer Dilemmasituationen, in denen nur die Wahl zwischen mehreren Übeln möglich ist, zeige sich, dass es kaum möglich sein dĂŒrfte, bestimmte Handlungen unter allen UmstĂ€nden als „sittlich schlecht“ zu bezeichnen. Nach einer strikten deontologischen Ethik wĂ€re die „Wahl des kleineren Übels“ nicht möglich.

An strikt teleologisch argumentierenden EthikansĂ€tzen wird kritisiert, dass sie das ethisch Gesollte von außerethischen Zwecken abhĂ€ngig machen. Damit bleibe die Frage unbeantwortet, weshalb wir diese Zwecke verfolgen sollen. Eine GĂŒterabwĂ€gung werde damit unmöglich gemacht, da die Frage, was ein oder das bessere „Gut“ ist, nur geklĂ€rt werden könne, wenn vorher allgemeine Handlungsprinzipien definiert wurden. In vielen teleologischen AnsĂ€tzen wĂŒrden diese Handlungsprinzipien auch einfach stillschweigend vorausgesetzt, wie z. B. im klassischen Utilitarismus, fĂŒr den Lustgewinnung und Unlustvermeidung die Leitprinzipien jeglicher FolgenabschĂ€tzung darstellen.

Wollen und Sollen in AnsÀtzen der Ethik

Ethische Positionen lassen sich auch danach unterscheiden, wie sich das Gesollte aus einem bestimmten Wollen ergibt.

| Ethische Position | Vertreter | Maßstab des ethisch Gesollten ist 
 |
|---|---|---|
| divine-command-Theoretiker [ 22 ] | | 
 der Wille Gottes |
| Intuitionismus | Ross , Audi | 
 das allen Menschen gemeinsame Empfinden und Wollen |
| Position der Verallgemeinerbarkeit, Kategorischer Imperativ | Kant , Singer | 
 der Wille jedes Individuums selbst, wenn es annehmen muss, dass die von ihm gewĂ€hlten Regeln fĂŒr das eigene Handeln zugleich auch von allen anderen Individuen befolgt werden |
| Position des allgemeinen Willens | Rousseau | 
 der Wille der Individuen selbst, wenn diese in einer Situation sozialer Gleichheit gemeinsam fĂŒr alle geltende Gesetze beschließen |
| Konsenstheoretische Position, Diskurstheorie | Habermas | 
 der Wille der Individuen selbst, wenn sie sich frei von jeglichem Zwang auf Regeln fĂŒr den Umgang miteinander dauerhaft einigen mĂŒssen |
| Position des grĂ¶ĂŸten allgemeinen Nutzens bzw. typische Varianten des Utilitarismus | Bentham | 
 die Summe der gleichgewichtig informierten Willen der Individuen selbst |
| Vertragstheoretische Position | Buchanan , Scanlon , Gauthier | 
 der Wille der Individuen selbst, wenn sie sich vertraglich auf Regeln fĂŒr den Umgang miteinander einigen mĂŒssten |
| Position des durch Unwissenheit gebrochenen Eigeninteresses | Rawls , Harsanyi | 
 der Wille eines eigeninteressierten, rationalen Individuums, das eine soziale Ordnung entwirft, ohne dabei zu wissen, welche Position es in dieser Ordnung selbst einnehmen wird |
| Position der vertauschten Rollen, Goldene Regel | Hare | 
 der Wille jedes Individuum selbst, wenn es bei der Formulierung von Regeln fĂŒr den Umgang miteinander annimmt, dass es sich selbst in der Position des jeweils betroffenen Anderen befindet |
| Position der Umkehrbarkeit | Rawls , Baier | 
 der Wille jedes Individuums selbst, wenn es bei der Bestimmung von Regeln fĂŒr den Umgang miteinander hypothetisch annimmt, dass es selbst sich in der Position des vergleichsweise am schlechtesten Gestellten befindet |
| Nihilismus , Moralkritik | Nietzsche , Heidegger | 
 das philosophische Hinterfragen von Religion, Weltanschauung, Moral und Wertesystemen, sowie der tatsĂ€chlichen Bedeutung des Bestehenden – durch Kritik und Verneinung |
| Position der ĂŒberindividuellen Wesenheiten (Rasse, Volk, Nation, Klasse) | | 
 der Wille des maßgebenden Kollektivs |
| Rechtspositivismus | | 
 der Wille des jeweiligen gesetzgebenden SouverÀns |
| Vernunftrechtslehre | | 
 die Einsicht des Vernunftbegabten aufgrund vernĂŒnftiger Überlegung |
| Egoismus | Max Stirner | 
 der Wille jedes Individuums selbst, wenn es informiert ist und einen langfristigen Zeithorizont berĂŒcksichtigt |

Die aufgelisteten Positionen liegen auf unterschiedlichen logischen Ebenen und schließen sich deshalb auch nicht logisch aus. So ist z. B. die Verbindung einer religiösen Position mit einer intuitionistischen Position möglich. Denkbar ist auch eine Verbindung der konsenstheoretischen Position mit einer utilitaristischen Position, wenn man annimmt, dass sich ein Konsens ĂŒber die richtige Norm nur dann herstellen lĂ€sst, wenn dabei der Nutzen (das Wohl) jedes Individuums in gleicher Weise berĂŒcksichtigt wird.

Außerdem ist zu beachten: Einige dieser AnsĂ€tze haben ausdrĂŒcklich nicht den Anspruch, umfassende ethische Konzepte zu sein, sondern z. B. nur Konzepte fĂŒr die Beurteilung, ob eine Gesellschaft in politisch-ökonomischer Hinsicht gerecht eingerichtet ist; z. B. bei John Rawls, im Unterschied zu umfassenderen AnsĂ€tzen, die auch Fragen privater, individueller Ethik betreffen – etwa, ob es eine moralische Pflicht gibt, zu lĂŒgen, wenn genau dies notwendig ist, um ein Menschenleben zu retten (und wenn ohne diese LĂŒge niemand sonst stattdessen gerettet wĂŒrde). Auch z. B. Habermas beantwortet diese Frage nicht „inhaltlich“, aber sein Konzept beinhaltet den Bereich auch solcher Fragen, indem es „formal“ postuliert, richtig sei, was in dieser Frage alle, die an einem zwanglosen und zugleich vernĂŒnftigen Diskurs dazu teilnehmen wĂŒrden, als verbindlich fĂŒr alle dazu herausfinden und akzeptieren wĂŒrden.

Inhaltliche Richtigkeit und formale Verbindlichkeit von Normen

Wenn man fragt, warum Individuum A eine bestimmte Handlungsnorm N befolgen soll, so gibt es zwei Arten von Antworten.

Die eine Art von Antworten bezieht sich auf eine Institution oder ein Verfahren, wodurch die Norm gesetzt wurde. Beispiele hierfĂŒr sind:

A soll N befolgen, weil 


‱ 
 A dies versprochen hat,
‱ 
 der Verstorbene dies in seinem Testament so festgelegt hat,
‱ 
 das geltende Recht dies vorschreibt,
‱ 
 der EigentĂŒmer es so will,
‱ 
 es mehrheitlich so beschlossen wurde etc.

Die andere Art von Antworten bezieht sich auf die inhaltliche Beschaffenheit der Norm. Beispiele fĂŒr diese Art von Antworten sind:

A soll N befolgen, weil 


‱ 
 N gerecht ist,
‱ 
 N fĂŒr alle das Beste ist,
‱ 
 die Befolgung von N zum grĂ¶ĂŸten Wohl aller fĂŒhrt,
‱ 
 N der MenschenwĂŒrde entspricht etc.

Offensichtlich liegen diese BegrĂŒndungen auf zwei verschiedenen Ebenen, denn man kann ohne logischen Widerspruch sagen: „Ich halte den Beschluss der Parlamentsmehrheit zwar fĂŒr inhaltlich falsch, aber dennoch ist er fĂŒr mich verbindlich. Als Demokrat respektiere ich die BeschlĂŒsse der Mehrheit.“

Man kann die ethischen Theorien nun danach unterscheiden, wie sie mit dem SpannungsverhĂ€ltnis zwischen der Ebene der verfahrensmĂ€ĂŸigen Setzung von verbindlichen Normen und der Ebene der argumentativen Bestimmung von richtigen Normen umgehen.

Auf der einen Seite stehen ganz außen die Dezisionisten. FĂŒr sie ist nur die verbindliche Setzung von Normen bedeutsam. Sie bestreiten, dass man in Bezug auf Normen ĂŒberhaupt von inhaltlicher Richtigkeit und von einer Erkenntnis der richtigen Norm sprechen kann.

Das Hauptproblem der Dezisionisten ist, dass es fĂŒr sie keine Berechtigung fĂŒr einen Widerstand gegen die gesetzten Normen geben kann, denn „verbindlich ist verbindlich“. Außerdem können Dezisionisten nicht begrĂŒnden, warum man das eine Normsetzungsverfahren irgendeinem anderen Verfahren vorziehen soll.

Auf der anderen Seite stehen ganz außen die ethischen Kognitivisten. FĂŒr sie ist das Problem ethischen Handelns allein ein Erkenntnisproblem, das man durch die Gewinnung relevanter Informationen und deren Auswertung nach geeigneten Kriterien lösen kann. Eine Legitimation von Normen durch Verfahren ist fĂŒr sie nicht möglich.

Das Hauptproblem der Kognitivisten ist, dass es auch beim wissenschaftlichen Meinungsstreit oft nicht zu definitiven Erkenntnissen kommt, die als Grundlage der sozialen Koordination dienen könnten. Es werden deshalb zusĂ€tzlich verbindliche und sanktionierte Normen benötigt, die fĂŒr jedes Individuum das Handeln der anderen berechenbar macht.

Erkenntnistheoretische und metaphysische Probleme der Ethik

Sein und Sollen

Teleologische Ethiken sind in der Regel GĂŒter-Ethiken; sie bezeichnen bestimmte GĂŒter (z. B. „GlĂŒck“ oder „Lust“) als fĂŒr den Menschen gut und damit erstrebenswert.

Schon David Hume hat den Einwand erhoben, dass der Übergang von Seins- zu Sollensaussagen nicht legitim sei („Humes Gesetz“). Unter dem Stichwort „Naturalistischer Fehlschluss“ hat George Edward Moore damit eng verwandte Fragen aufgeworfen, die aber genau genommen nicht dieselben sind.

Hume kritisiert an den ihm bekannten Moralsystemen,

„
 daß mir anstatt der ĂŒblichen Verbindungen von Worten mit ‚ist‘ und ‚ist nicht‘ kein Satz mehr begegnet, in dem nicht ein ‚sollte‘ oder ‚sollte nicht‘ sich fĂ€nde. [
] Dies sollte und sollte nicht drĂŒckt eine neue Beziehung oder Behauptung aus, muß also notwendigerweise betrachtet und erklĂ€rt werden. Gleichzeitig muß ein Grund angegeben werden fĂŒr etwas, das sonst ganz unbegreiflich scheint, nĂ€mlich dafĂŒr, wie diese neue Beziehung zurĂŒckgefĂŒhrt werden kann auf andere, die von ihr ganz verschieden sind.“

–

Hume

:

Traktat ĂŒber die menschliche Natur. III, 1, 1.

FĂŒr Hume sind logische Schlussfolgerungen von dem, was ist, auf das, was sein soll, unzulĂ€ssig, denn durch logische Umformungen könne aus Ist-SĂ€tzen kein völlig neues Bedeutungselement wie das Sollen hergeleitet werden.

Wie spĂ€ter die Positivisten betont haben, muss erkenntnistheoretisch zwischen Ist-SĂ€tzen und Soll-SĂ€tzen wegen ihres unterschiedlichen VerhĂ€ltnisses zur Sinneswahrnehmung differenziert werden. WĂ€hrend der Satz „Peter ist um 14 Uhr am Bahnhof gewesen“ durch intersubjektiv ĂŒbereinstimmende Beobachtungen ĂŒberprĂŒfbar, also verifizierbar oder falsifizierbar ist, lĂ€sst sich der Satz „Peter soll um 14 Uhr am Bahnhof sein“ mit den Mitteln von Beobachtung und Logik allein nicht begrĂŒnden oder widerlegen.

Die erkenntnistheoretische Unterscheidung zwischen Sein und Sollen liegt den modernen Erfahrungswissenschaften zugrunde. Wer diese Unterscheidung nicht akzeptiert, der muss entweder ein Sein postulieren, das nicht direkt oder indirekt wahrnehmbar ist, oder er muss das Gesollte fĂŒr sinnlich wahrnehmbar halten. Beiden Positionen mangelt es bisher an einer intersubjektiven NachprĂŒfbarkeit.

Die vermeintliche Herleitung ethischer Normen aus Aussagen ĂŒber das Seiende wird oft nur durch die unbemerkte Ausnutzung der normativ-empirischen Doppeldeutigkeit von Begriffen wie „Wesen“, „Natur“, „Bestimmung“, „Funktion“, „Zweck“, „Sinn“ oder „Ziel“ erreicht.

So bezeichnet das Wort „Ziel“ einmal das, was ein Mensch tatsĂ€chlich anstrebt („Sein Ziel ist das Diplom“). Das Wort kann jedoch auch das bezeichnen, was ein Mensch anstreben sollte („Wer nur am Materiellen ausgerichtet ist, der verfehlt das wahre Ziel des menschlichen Daseins“).

Die unbemerkte empirisch-normative Doppeldeutigkeit bestimmter Begriffe fĂŒhrt dann zu logischen FehlschlĂŒssen wie: „Das Wesen der SexualitĂ€t ist die Fortpflanzung. Also ist EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung nicht erlaubt, denn sie entspricht nicht dem Wesen der SexualitĂ€t.“

Aus der logischen Unterscheidung von Sein und Sollen folgt jedoch keineswegs, dass damit eine auf Vernunft gegrĂŒndete Ethik unmöglich ist, wie dies sowohl von Vertretern des logischen Empirismus als auch des Idealismus geĂ€ußert wird. Zwar ließe sich allein auf Empirie und Logik keine Ethik grĂŒnden, aber daraus folgt noch nicht, dass es nicht andere allgemein nachvollziehbare Kriterien fĂŒr die GĂŒltigkeit ethischer Normen gibt. Ein aussichtsreiches Beispiel fĂŒr eine nachpositivistische Ethik ist die am Kriterium des zwangfreien Konsenses orientierte Diskursethik.

Mit der Feststellung, dass das Gesollte nicht aus dem Seienden logisch ableitbar ist, wird eine BegrĂŒndung von Normen noch nicht aussichtslos. Denn neben den Seinsaussagen und den normativen SĂ€tzen gibt es WillensĂ€ußerungen. Die WillensĂ€ußerung einer Person: „Ich will in der nĂ€chsten Stunde von niemandem gestört werden“ beinhaltet die Norm: „Niemand soll mich in der nĂ€chsten Stunde stören“. Die Aufgabe der Ethik ist es, allgemeingĂŒltige Willensinhalte bzw. Normen zu bestimmen und nachvollziehbar zu begrĂŒnden.

Die logische Unterscheidung zwischen Ist-SĂ€tzen und Soll-SĂ€tzen wird vor allem von Vertretern idealistischer Positionen als eine unzulĂ€ssige Trennung von Sein und Sollen angesehen und es wird eingewandt, dass ihr ein verkĂŒrzter Seinsbegriff zugrunde liege. So argumentiert Vittorio Hösle, das Sollen könne nur vom realen, empirischen Sein strikt abgegrenzt werden, „
 ein ideales Sein, das nicht vom Menschen gesetzt ist, wird dem Sollen damit ebenso wenig abgesprochen wie eine mögliche Prinzipiierungsfunktion gegenĂŒber dem empirischen Sein“.cite-ref-23[23] Es könne gerade als Aufgabe des Menschen angesehen werden, „damit fertig zu werden, dass das Sein nicht so ist, wie es sein soll“.cite-ref-24[24] Das Gesollte solle eben sein und sei als solches bereits Prinzip des Seins:

„Aber wenn das Projekt der Ethik einen Sinn haben soll, dann muß das Sein in einer bestimmten Weise strukturiert sein: Es muß Wesen enthalten, die zumindest der Erkenntnis des Sollens fĂ€hig sind, ja in denen diese Erkenntnis – bei allen WiderstĂ€nden durch verschiedene Interessen – nicht ohne Einfluß auf ihr Handeln ist. Daß aus der Geltung des Sollens Annahmen ĂŒber die Wirklichkeit folgen, ist eine keineswegs triviale Annahme und m. E. nur im Rahmen eines objektiven Idealismus zu begreifen, nach dem das faktische Sein durch ideale Strukturen wenigstens zum Teil prinzipiert ist.“

–

Hösle

:

Moral und Politik, S. 241f

Die Möglichkeit einer teleologischen Ethik scheint mit der logischen Unterscheidung von Seins- und Sollens-Aussagen grundsĂ€tzlich in Frage gestellt. Aus Sicht der klassischen Position des Realismus bezĂŒglich der Ethik, insbesondere des Naturrechts, ist es aber gerade das Sein, aus dem das Sollen abgeleitet werden muss, da es (außer dem Nichts) zum Sein keine Alternative gibt. Weil das Gute das Seinsgerechte, also das dem jeweiligen Seienden gerechte bzw. entsprechende ist, muss demnach das Wesen des Seins zunĂ€chst erkannt und aus ihm die Forderung des Sollens (ihm gegenĂŒber) logisch abgeleitet werden.

Das Problem des Bösen

Trotz der teilweise apokalyptischen geschichtlichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts wird der Begriff „böse“ in der Umgangssprache nur noch selten gebraucht. Stattdessen werden meist die Begriffe „schlecht“ („ein schlechter Mensch“) oder „falsch“ („die Handlung war falsch“) verwendet. Das Wort „böse“ gilt im gegenwĂ€rtigen Bewusstsein generell als metaphysikverdĂ€chtig und aufgrund der allgemeinen Dominanz des naturwissenschaftlichen Denkens als ĂŒberholt.

In der philosophischen Tradition wird das Böse als eine Form des Übels betrachtet. Klassisch geworden ist die Unterscheidung von Leibniz zwischen einem metaphysischen (malum metaphysicum), einem physischen (malum physicum) und einem moralischen Übel (malum morale). Das metaphysische Übel besteht in der Unvollkommenheit alles Seienden, das physische Übel in Schmerz und Leid. Diese Übel sind Widrigkeiten, die ihren Ursprung in der Natur haben. Sie sind nicht „böse“, da sie nicht das Ergebnis des (menschlichen oder allgemeiner gesagt geistigen) Willens sind. Das moralische Übel oder das Böse hingegen besteht in der Nicht-Übereinstimmung einer Handlung mit dem Sittengesetz bzw. Naturrecht. Es kann, wie Kant betont, nur „die Handlungsart, die Maxime des Willens und mithin die handelnde Person selbst“ böse sein.cite-ref-25[25] Das Böse ist also als Leistung oder besser Fehlleistung des Subjekts zu verstehen.

Reduktionistische ErklÀrungsversuche

Die Verhaltensforschung fĂŒhrt das Böse auf die allgemeine „Tatsache“ der Aggression zurĂŒck. Diese sei einfachhin ein Bestandteil der menschlichen Natur und als solcher moralisch irrelevant. Daher spricht Konrad Lorenz auch vom „sogenannten Bösen“. Dieser ErklĂ€rung wird von Kritikern eine reduktionistische Betrachtungsweise vorgeworfen. Sie ĂŒbersehe, dass dem Menschen auf der Grundlage der Freiheit die Möglichkeit gegeben ist, zu seiner eigenen Natur Stellung zu nehmen.cite-ref-26[26]

In der Philosophie stellte sich bereits Platon die Frage, wie das Böse ĂŒberhaupt möglich sei. Das Böse werde nur getan, weil jemand im irrtĂŒmlichen Glauben annimmt, er (oder jemand) habe einen Nutzen davon. Somit wolle er aber den mit dem Bösen verbundenen Nutzen. Das Böse um seiner selbst willen könne niemand vernĂŒnftigerweise wollen:cite-ref-27[27]

„Sokrates: So ist denn doch klar, daß diejenigen, welche es nicht kennen, nicht das Böse begehren, sondern vielmehr das, was sie fĂŒr gut halten, wĂ€hrend es böse ist; so daß diejenigen, welche es nicht kennen und es fĂŒr gut halten, offenbar eigentlich das Gute begehren. Oder nicht? Sokrates: Und weiter: Diejenigen, welche das Böse begehren, wie du behauptest, wĂ€hrend sie doch glauben, daß das Böse dem schade, welchem es zuteil wird, erkennen doch wohl, daß sie von ihm Schaden nehmen werden? Menon: Notwendig. Sokrates: Diese aber, halten sie nicht die, welche Schaden leiden, fĂŒr elend, sofern sie Schaden leiden? Menon: Notwendig auch das. Sokrates: Halten sie die Elenden aber nicht fĂŒr unglĂŒcklich? Menon: Ich meine doch. Sokrates: Gibt es nun einen Menschen, welcher elend und unglĂŒcklich sein will? Menon: Ich denke nicht, Sokrates. Sokrates: Niemand also will das Böse, Menon; wenn anders er nicht ein solcher sein will. Denn was heißt elend sein anders, als das Böse begehren und es besitzen?“

Nicht-reduktionistische ErklÀrungsversuche

Dieses in der Antike noch weit verbreitete VerstĂ€ndnis, das Böse ließe sich durch die Vernunft ĂŒberwinden, wird allerdings durch die geschichtlichen Erfahrungen, insbesondere die des 20. Jahrhunderts, in Frage gestellt. Diese lehren in den Augen vieler Philosophen der Gegenwart, dass der Mensch durchaus im Stande sei, das Böse auch um seiner selbst willen zu wollen.

Als Motiv fĂŒr das Böse kann zunĂ€chst einmal der Egoismus ausgemacht werden. Er Ă€ußert sich in vielen Spielarten. In seiner harmlosen Variante zeigt er sich im Ideal einer selbstbezogenen BedĂŒrfnisbefriedigung. In dieser Form stellt er letztlich auch die „Vertragsgrundlage“ des Utilitarismus dar, der nichts anderes als einen Interessensausgleich zwischen den Individuen schaffen möchte. Dieser Aspekt trifft – wie die geschichtliche Erfahrung zeigt – noch nicht den eigentlichen Kern des Bösen. Dieser wird erst dann sichtbar, wenn die eigene BedĂŒrfnisbefriedigung nicht mehr im Vordergrund steht:

„Die eigentliche Struktur des Bösen aber [
] zeigt sich erst dort, wo dieser utilitaristische Bezug nicht leitend ist, sondern die zwecklose, ja sogar widersinnige Freude an der reinen Destruktion vorherrscht. Erst hier entdeckt man die unheimlichen ZĂŒge des menschlichen Ich: der Machtrausch der Zerstörung genießt“

–

Schulz

:

Philosophie in der verÀnderten Welt.

S. 725.

Die Ursache dieses „radikal Bösen“ ist nach Kant weder in der Sinnlichkeit noch in der Vernunft zu sehen, sondern in einer „Verkehrtheit des Herzens“, in der sich das Ich gegen sich selbst wendet:

„Die Bösartigkeit der menschlichen Natur ist also nicht sowohl Bosheit, wenn man dieses Wort in strenger Bedeutung nimmt, nĂ€mlich als eine Gesinnung (subjektives Prinzip der Maximen), das Böse als Böses zur Triebfeder in seine Maxime aufzunehmen (denn die ist teuflisch); sondern vielmehr Verkehrtheit des Herzens, welches nun, der Folge wegen, auch ein böses Herz heißt, zu nennen.“

–

Kant

:

Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft.

S. 686

Dieser Grundgedanke Kants von der SelbstwidersprĂŒchlichkeit des Ichs als Ursache des Bösen wird vor allem in der Philosophie des Idealismus noch einmal vertieft. Schelling unterscheidet zwischen einem alle Bindung verneinenden „Eigenwillen“ und einem sich in Beziehungen gestaltenden „Universalwillen“. Die Möglichkeit zum Bösen bestehe darin, dass der Eigenwille sich seiner Integration in den Universalwillen widersetzt.

„Das Prinzip, sofern es aus dem Grunde stammt und dunkel ist, ist der Eigenwille der Kreatur, der aber, sofern er noch nicht zur vollkommenen Einheit mit dem Licht (als Prinzip des Verstandes) erhoben ist (es nicht faßt), bloße Sucht oder Begierde, d. h. blinder Wille ist. Diesem Eigenwillen der Kreatur steht der Verstand als Universalwille entgegen, der jenen gebraucht und als bloßes Werkzeug sich unterordnet.“

–

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

:

Philosophische Untersuchungen ĂŒber das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhĂ€ngenden GegenstĂ€nde.

S. 459

Das radikal Böse bewirke einen Umsturz der Ordnung in mir selbst und in Bezug zu anderen. Es erfolge um seiner selbst willen, denn „wie es einen Enthusiasmus zum Guten gibt, ebenso gibt es eine Begeisterung des Bösen“.cite-ref-28[28]

Nach der klassischen Lehre (Augustinus, Thomas von Aquin etc.) ist das Böse selbst letztlich substanzlos. Als privativer Gegensatz des Guten besteht es nur in einem Mangel (an Sein bzw. an Gutem). Im Gegensatz zum absolut Guten (Gott) gibt es demnach das absolut Böse nicht.

Durchsetzungsproblem

Das Durchsetzungsproblem der Ethik besteht darin, dass die Einsicht in die Richtigkeit ethischer Prinzipien zwar vorhanden sein kann, daraus aber nicht automatisch folgt, dass der Mensch auch im ethischen Sinne handelt. Die Einsicht in das richtige Handeln bedarf einer zusÀtzlichen Motivation oder eines Zwangs.cite-ref-29[29]

Das Problem erklĂ€rt sich daraus, dass die Ethik einerseits und das menschliche Eigeninteresse als Egoismus andererseits oft einen Gegensatz bilden.cite-ref-30[30] Das Durchsetzungsproblem gewinne zudem durch die Globalisierung eine neue Dimension, die zu einer Ethik der Neomoderne fĂŒhre.

Beispiel

Die Tatsache, dass die Menschen im Land X Hunger leiden und ihnen geholfen werden sollte, ja es moralisch geboten erscheint ihnen zu helfen, wird niemand bestreiten. Die Einsicht es auch zu tun, einen Großteil seines Vermögens dafĂŒr herzugeben, wird es im nennenswerten Umfang erst geben, wenn eine zusĂ€tzliche Motivation auftaucht, etwa die Gefahr einer Migration wegen Hungers ins eigene Land unmittelbar bevorsteht.

Das Durchsetzungsproblem zeigt sich auf andere Weise auch in der Erziehung, etwa wenn fest verinnerlichte Verhaltensregeln spĂ€ter auf entwickelte ethische Prinzipien stoßen.cite-ref-31[31]

LösungsansÀtze

Erkenntnisse der EvolutionĂ€ren Spieltheoriecite-ref-32[32] lassen RĂŒckschlĂŒsse darauf zu, dass das Durchsetzungsproblem durch Selbstdurchdringung gelöst werden kann. Diese Auffassung vertraten zuerst Vertreter der Neuen Institutionenökonomik. So wiesen Eirik Furubotn und Rudolf Richter darauf hin, dass der Aufbau einer Reputation eine dominate Spielstrategie sein kann.cite-ref-33[33]

Siehe auch
Literatur

Philosophiebibliographie: Ethik – ZusĂ€tzliche Literaturhinweise zum Thema

EinfĂŒhrungen

‱ Arno Anzenbacher: EinfĂŒhrung in die Ethik. 3. Auflage. Patmos, DĂŒsseldorf 2003, ISBN 3-491-69028-5 (gut lesbare EinfĂŒhrung)
‱ Dieter Birnbacher: Analytische EinfĂŒhrung in die Ethik. De Gruyter, Berlin u. a. 2003, ISBN 3-11-017625-4 (systematische Darstellung der normativen Ethik aus Sicht eines analytischen Philosophen; moderne AnsĂ€tze stehen im Vordergrund)
‱ Dagmar Fenner: Ethik. Wie soll ich handeln? UTB, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8252-2989-4 (gut strukturierte EinfĂŒhrung, etwas schulbuchhaft)
‱ Dietmar HĂŒbner: EinfĂŒhrung in die philosophische Ethik. UTB, 2. Aufl., Göttingen 2018, ISBN 978-3-8252-4991-5 (klare Systematik mit historischen Vertiefungen)
‱ Annemarie Pieper: EinfĂŒhrung in die Ethik. 5. Auflage. Francke, TĂŒbingen u. a. 2003, ISBN 3-8252-1637-3, ISBN 3-7720-1698-7 (vielzitierte EinfĂŒhrung in die Ethik)
‱ Louis P. Pojman, James Fieser: Ethics. Discovering Right and Wrong. Wadsworth Pub. 2008, ISBN 978-0-495-50235-7. (exzellente, sehr klare, oft als Lehrbuch verwendete erste EinfĂŒhrung) (Inhaltsverzeichnis) (MS Word; 177 kB)
‱ Der blaue reiter. Journal fĂŒr Philosophie. Themenheft: Ethik. Nr. 3, 1995. Verlag der blaue reiter, ISBN 978-3-9804005-2-7.
‱ Karl Hepfer. Philosophische Ethik. Eine EinfĂŒhrung. Göttingen 2008 (UTB 3117), ISBN 978-3-8252-3117-0 (Sehr ĂŒbersichtliche und gut lesbare Darstellung aller gĂ€ngigen BegrĂŒndungsmodelle)
‱ Michael Quante: EinfĂŒhrung in die allgemeine Ethik. Darmstadt 2003, ISBN 3-534-15464-9 (lehrbuchartig aufgebautes Werk mit Zusammenfassungen, LektĂŒrehinweisen und Übungen am Ende jedes Kapitels; geht ausfĂŒhrlich auf metaethische Fragen ein)
‱ Hans Reiner: Ethik. Eine EinfĂŒhrung. Studienausgabe, PAIS-Verlag, Oberried 2010, ISBN 978-3-931992-27-9 (gut verstĂ€ndliche EinfĂŒhrung)
‱ Andreas Vieth: EinfĂŒhrung in die Philosophische Ethik. MĂŒnster/MĂŒnchen 2015, ISBN 978-3-7380-2658-0, PDF (themenorientiert, metaethisch, visuelle Themenaufbereitung, Lehrbuch)

Gesamtdarstellungen

‱ Marcus DĂŒwell, Christoph HĂŒbenthal, Micha H. Werner (Hrsg.): Handbuch Ethik. 2. akt. Auflage. Metzler, Stuttgart u. a. 2006, ISBN 3-476-02124-6 (derzeit das Standardhandbuch zur Ethik; enthĂ€lt einen historischen und einen begrifflichen Teil; breite BerĂŒcksichtigung der aktuellen Diskussion; zum Teil sehr anspruchsvoll)
‱ Hugh LaFollette (Hrsg.): Blackwell Guide to Ethical Theory. Blackwell, Oxford 2000. (Inhaltsverzeichnis)
‱ Friedo Ricken: Allgemeine Ethik. 4. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2003, ISBN 3-17-017948-9 (sehr fundiert und anspruchsvoll; versucht eine Synthese aus Aristotelischen und Kantischen AnsĂ€tzen mit Anleihen aus der analytischen Philosophie)
‱ Hugh LaFollette (Hrsg.): Ethics in Practice: An Anthology. 4. Auflage. Wiley-Blackwell, Oxford 2014, ISBN 978-0-470-67183-2.

Lexika und Grundbegriffe

‱ Otfried Höffe (Hrsg.): Lexikon der Ethik. 6. Auflage. Beck, MĂŒnchen 2002, ISBN 3-406-47586-8 (das Standardlexikon zur EinfĂŒhrung in die Begriffe der Ethik)
‱ Gerhard SchweppenhĂ€user: Grundbegriffe der Ethik zur EinfĂŒhrung. 2. Auflage. Junius, Hamburg 2006, ISBN 3-88506-632-7 (konzentriert sich auf die Behandlung zentraler Grundbegriffe der Ethik)

Ethik in der Wissenschaft

‱ Hans Lenk (Hrsg.): Wissenschaft und Ethik, Philipp Reclam jun., Stuttgart 1991, ISBN 3-15-008698-1.

Weblinks

Commons

: Ethik

– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Wiktionary: Ethik

– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Wikiquote: Ethik

– Zitate

‱ Literatur von und ĂŒber Ethik im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
‱ Karl-Heinz Brodbeck: Ethik und Moral. eine kritische EinfĂŒhrung. (Memento vom 14. Juni 2013 im Internet Archive) (PDF; 1,5 MB) Verlag BWT, WĂŒrzburg 2003, ISBN 3-9808693-1-8. (Freies, einfĂŒhrendes E-Book)
‱ Roger Crisp: Ethics. In: E. Craig (Hrsg.): Routledge Encyclopedia of Philosophy. London 1998.
‱ James Fieser: Ethics. In: James Fieser, Bradley Dowden (Hrsg.): Internet Encyclopedia of Philosophy.
‱ Henry S. Richardson: Moral Reasoning. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2018.

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Cicero: De fato 1; Moral, moralisch, Moralphilosophie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6, S. 149.
cite-note-22. ↑ Viktor Cathrein: Moralphilosophie. Eine wissenschaftliche Darlegung der sittlichen, einschließlich der rechtlichen Ordnung. 2 BĂ€nde, 5., neu durchgearbeitete Auflage. Herder, Freiburg im Breisgau 1911, S. 1–6 (Begriff der Moralphilosophie).
cite-note-33. ↑ Brockhaus EnzyklopĂ€die, 19 Aufl., (1988), Bd. 6, S. 600.
cite-note-44. ↑ Vgl. A Greek-English Lexicon 9. A. (1996) [9. Aufl. ist von 1940 – gemeint ist also ein Nachdruck], S. 480, 766.
cite-note-55. ↑ Viktor Cathrein: Moralphilosophie. Eine wissenschaftliche Darlegung der sittlichen, einschließlich der rechtlichen Ordnung. 2 BĂ€nde, 5., neu durchgearbeitete Auflage. Herder, Freiburg im Breisgau 1911, S. 17–27 (Geschichte der Moralphilosophie), hier: S. 24 f., und S. 27 (Einteilung der Moralphilosophie).
cite-note-66. ↑ Nico Scarano: Metaethik – ein systematischer Überblick. In: Marcus DĂŒwell, Christoph HĂŒbenthal, Micha H. Werner (Hrsg.): Handbuch Ethik. 3., aktualisierte Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar 2011, ISBN 978-3-476-05192-9, 1.2 Deskriptive Ethiken, S. 25–26, doi:10.1007/978-3-476-05192-9.
cite-note-77. ↑ F. H. Bradley: Why should I be moral? In: Ethical Studies. The Clarendon Press, Oxford 1876.
cite-note-88. ↑ Kurt Bayertz: Warum ĂŒberhaupt moralisch sein? C. H. Beck Verlag, MĂŒnchen 2004, ISBN 3-406-52196-7.
cite-note-99. ↑ Friedo Ricken: Allgemeine Ethik. S. 96.
cite-note-1010. ↑ § 17 StGB
cite-note-1111. ↑ Vgl. Ricken: Allgemeine Ethik. S. 136f.
cite-note-1313. ↑ Ricken: Allgemeine Ethik. S. 84.
cite-note-1414. ↑ Paul Dolan: Utilitarianism and the Measurement and Aggregation of Quality – Adjusted Life Years. In: Health Care Analysis. Band 9, Nr. 1, 2001, ISSN 1573-3394, S. 65–76, doi:10.1023/A:1011387524579.
cite-note-1515. ↑ Felix N. Chukwuneke, Anthony C. Ezenwugo: Deontology vs. Utilitarianism: Understanding the Basis for the Moral Theories in Medicine. In: International Journal of Medicine and Health Development. Band 27, Nr. 1, 2022, ISSN 2635-3695, S. 19, doi:10.4103/ijmh.IJMH_57_20 (lww.com).
cite-note-1616. ↑ Guy Kahane, Jim A. C. Everett, Brian D. Earp, Lucius Caviola, Nadira S. Faber, Molly J. Crockett, Julian Savulescu: Beyond sacrificial harm: A two-dimensional model of utilitarian psychology. In: Psychological Review. Band 125, Nr. 2, 2018, ISSN 1939-1471, S. 131–164, doi:10.1037/rev0000093, PMID 29265854 (nih.gov).
cite-note-1818. ↑ C. D. Broad: Five Types of Ethical Theory. London 1930.
cite-note-1919. ↑ William K. Frankena: Ethics. 2. Auflage. Englewood Cliffs 1973, S. 14, ĂŒbersetzt in Albert Keller: Philosophie der Freiheit. Styria, Graz 1994, S. 212.
cite-note-2020. ↑ Robert Spaemann: Christliche Verantwortungsethik. In: Johannes GrĂŒndel (Hrsg.): Leben aus christlicher Verantwortung, 1. Grundlegungen. DĂŒsseldorf 1991, S. 122.
cite-note-2121. ↑ Vgl. z. B. Albert Keller: Philosophie der Freiheit. Styria, Graz 1994, ISBN 3-222-12294-6.
cite-note-221. Vgl. Mark Murphy: Theological Voluntarism. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy.; Michael W. Austin: Divine Command Theory. In: James Fieser, Bradley Dowden (Hrsg.): Internet Encyclopedia of Philosophy..
cite-note-2323. ↑ Vittorio Hösle: Moral und Politik. Grundlagen einer Politischen Ethik fĂŒr das 21. Jahrhundert. Beck, MĂŒnchen 1997, ISBN 3-406-42797-9, S. 127.
cite-note-2424. ↑ Hösle: Moral und Politik. S. 242.
cite-note-2525. ↑ Vgl. Kant: KpV. S. 106.
cite-note-2626. ↑ Vgl. Walter Schulz: Philosophie in der verĂ€nderten Welt. 7. Auflage. Stuttgart 2001, ISBN 3-608-91040-9, S. 723ff.
cite-note-2727. ↑ Platon: Menon. 77a-78b.
cite-note-2828. ↑ Schelling: Philosophische Untersuchungen ĂŒber das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhĂ€ngenden GegenstĂ€nde. S. 468.
cite-note-2929. ↑ A. Schopenhauer: Die beiden Grundprobleme der Ethik. 1839/40.
cite-note-3030. ↑ Helga E. Hörz und Herbert Hörz: Ist Egoismus unmoralisch? GrundzĂŒge einer neomodernen Ethik. trafo Verlagsgruppe, Berlin 2013, ISBN 978-3-86464-038-4.
cite-note-3131. ↑ H. J. Niemann: Die Strategie der Vernunft. RationalitĂ€t in Erkenntnis, Moral und Metaphysik. Vieweg, Braunschweig u. a. 1993, ISBN 3-528-06522-2.
cite-note-3232. ↑ Vgl. auch Johannes Gottfried Mayer, Detlef Weinich (Hrsg.): Ethik und Evolutionstheorien (= Texte und Wissen. Band 4). Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 1999.
cite-note-3333. ↑ R. Richter, E. Furubotn: Neue Institutionenökonomik. Mohr Siebeck, TĂŒbingen 2003, ISBN 3-16-148060-0, S. 277.